Deutsche Olympiabilanz: Vorsprung durch Technik reicht nicht mehr aus
In der Ökonomie ist das Phänomen, dass eine Volkswirtschaft stagniert und gleichzeitig die Preise steigen, als Stagflation bekannt. Was das bedeutet, hat der deutsche Sport bei den Olympischen Winterspielen 2026 am eigenen Leib erfahren.
Im Medaillenspiegel ist die deutsche Olympiamannschaft vom zweiten Platz, den sie von 2018 bis 2022 abonniert hatte, auf den fünften Platz zurückgefallen. Und das, obwohl staatliche Institutionen immer mehr Geld in die Spitzensportförderung einzahlen. Als Teil dieser Teuerung hat allein das Bundesinnenministerium im Olympiajahr einen Etat von 364 Millionen Euro ausgewiesen.
Ein Kennzeichen der Stagnation ist, dass - obwohl die Deutschen mit insgesamt 26 Medaillen nur eine weniger als vier Jahre zuvor geholt haben - andere Länder trotzdem an ihnen vorbei gezogen sind, namentlich die USA, Niederlande und Italien.
A propos "undankbarster Rang". Darauf waren die Deutschen im Mailand-Cortina abonniert, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung sogar zu einer vielspaltigen Ode an die Vierten inspirierte. Beim Deutschen Olympischen Sportbund hat man nachgezählt: Während Norwegen und die USA, die beiden Top-Nationen der Medaillen-Wertung. mehr als 50 Prozent ihrer Medaillen-Chancen wahrgenommen haben, kommt Deutschland auf knapp 30 Prozent. Gehört "Sport-Deutschland", wie es das DOSB-Marketing nennt, also auf die Therapie-Couch?
Fest steht, dass sowohl Sport als auch Politik für einen starken Leistungssport made in Germany sind. Es muss sich also etwas ändern. Stagflation darf kein Dauerzustand werden, dafür ist uns der Spitzensport im wahrsten Sinne des Wortes zu teuer. Und auch, wenn das viele Menschen das falsch zitieren: Das olympische Motto lautet sicher nicht "Dabeisein ist alles".
Im Medaillenspiegel ist die deutsche Olympiamannschaft vom zweiten Platz, den sie von 2018 bis 2022 abonniert hatte, auf den fünften Platz zurückgefallen. Und das, obwohl staatliche Institutionen immer mehr Geld in die Spitzensportförderung einzahlen. Als Teil dieser Teuerung hat allein das Bundesinnenministerium im Olympiajahr einen Etat von 364 Millionen Euro ausgewiesen.
Ein Kennzeichen der Stagnation ist, dass - obwohl die Deutschen mit insgesamt 26 Medaillen nur eine weniger als vier Jahre zuvor geholt haben - andere Länder trotzdem an ihnen vorbei gezogen sind, namentlich die USA, Niederlande und Italien.
- Die Amerikaner profitierten - trotz aller Dramen um Alpin-Queen Lindsey Vonn, den gefallenen Kunstlauf-Engel Ilia Malinin und die schon im ersten Rennen schlimm gestürzte Langläuferin Jessie Diggins - von der Breite und Tiefe ihrer Mannschaft.
- Die Niederländer genügten nur zwei Disziplinen (Eissschnelllauf und Short-Track), um zehn Goldmedaillen zu gewinnen; nach der Gesamtzahl der Medaillen (20) lagen sie allerdings hinter Deutschland.
- Die Italiener profitierten vom Gastgeber-Effekt und holten die Mehrzahl ihrer 30 Medaillen - mehr denn je zuvor - in Frauen-Wettbewerben.
Laborieren an alten und neuen Problemzonen
Die deutsche Olympiamannschaft laborierte hingegen an ihren alten Problemzonen. Das deutsche Sportfördersystem ist zwar nicht mehr allein auf Breite ausgelegt, verlässliche Top-Leistungen liefern aber nur Bob und Rodel - "Vorsprung durch Technik" sozusagen. Mit drei Bahnen im eigenen Land und der Materialschmiede FES als erfolgreichstem DDR-Sport-Erbe sind die Deutschen in der Eisrinne unschlagbar und werden das wohl auch bleiben. Trotzdem hat die Ausbeute diesmal nicht gereicht, um die Könige der Spezialisierung - die Niederländer - in Schach zu halten. Die Norweger als Wintersport-Nation Nummer eins gewannen 70 Prozent ihrer Medaillen im nordischen Skisport.Eine andere deutsche Medaillen-Bank - der nordische Skisport - hat in Mailand-Cortina wenig bis gar nichts geliefert. Dem Überraschungs-Gold in der ersten Skisprung-Entscheidung durch Philipp Raimund kam nichts mehr hinterher; in der nordischen Kombination blieb Team D erstmals seit 1998 ganz medaillenlos. Hoffnung auf bessere Zeiten besteht sicher; ganz anders als im Eisschnelllaufen, über dessen Zustand wir an dieser Stelle schamvoll den Mantel des Schweigens hüllen.
Ein weiteres Problemfeld: die sogenannten Trendsportarten. Sie bieten denen, die sie nutzen, zahlreiche neue Medaillen-Chancen. Doch Deutschland hat den Anschluss verpasst - Ausnahmen wie das Gold im Ski-Cross durch Daniela Maier oder der vierte Platz von Annika Morgan im Slopestyle bestätigen die Regel.
A propos "undankbarster Rang". Darauf waren die Deutschen im Mailand-Cortina abonniert, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung sogar zu einer vielspaltigen Ode an die Vierten inspirierte. Beim Deutschen Olympischen Sportbund hat man nachgezählt: Während Norwegen und die USA, die beiden Top-Nationen der Medaillen-Wertung. mehr als 50 Prozent ihrer Medaillen-Chancen wahrgenommen haben, kommt Deutschland auf knapp 30 Prozent. Gehört "Sport-Deutschland", wie es das DOSB-Marketing nennt, also auf die Therapie-Couch?
Olympiabewerbung oder Sportfördergesetz, wo ist der Ausweg?
Vielleicht braucht's ja auch einen Ruck. Große Hoffnungen setzt der DOSB da in eine neue Olympiabewerbung, und zwar für die Sommerspiele. Die kommt zwar erst ab 2040 in Frage, soll aber - so die Hoffnung - die Sport-Entwickung ebenso mobilisieren wie es die Sommerspiele 2012 in London für Großbritannien oder eben diese Winterspiele für Italien vermocht haben.Ein anderer Therapieansatz besteht darin, endlich eine funktionierende Spitzensportreform auf die Beine zu stellen. Dafür soll nun das von der beim Bundeskanzleramt angesiedelten Staatsministerin Christiane Schenderlein umzusetzende Sportfördergesetz sorgen. Der Entwurf ist einen Monat nach Olympia vom Bundeskabinett beschlossen worden, wird aber weiterhin hart umkämpft.
Die Gretchenfrage lautet, ob der Staat in den Sport hineinregieren soll oder nicht. Im Kern geht es dabei aber um Macht: Wer hat die Hoheit über die Verteilung der Fördergelder? Argwöhnisch wird beim DOSB beobachtet, dass die Sächsin Schenderlein die geplante Sportförder-Agentur nicht in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, sondern in Leipzig ansiedeln will. Pessimisten fragen derweil, warum Deutschland der Ausweg aus dem allgemeinen Reformstau ausgerechnet im Sport gelingen sollte.
Die Gretchenfrage lautet, ob der Staat in den Sport hineinregieren soll oder nicht. Im Kern geht es dabei aber um Macht: Wer hat die Hoheit über die Verteilung der Fördergelder? Argwöhnisch wird beim DOSB beobachtet, dass die Sächsin Schenderlein die geplante Sportförder-Agentur nicht in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, sondern in Leipzig ansiedeln will. Pessimisten fragen derweil, warum Deutschland der Ausweg aus dem allgemeinen Reformstau ausgerechnet im Sport gelingen sollte.
Fest steht, dass sowohl Sport als auch Politik für einen starken Leistungssport made in Germany sind. Es muss sich also etwas ändern. Stagflation darf kein Dauerzustand werden, dafür ist uns der Spitzensport im wahrsten Sinne des Wortes zu teuer. Und auch, wenn das viele Menschen das falsch zitieren: Das olympische Motto lautet sicher nicht "Dabeisein ist alles".